9,3 m2 2024


Mixed Media 11,4m x 0,35m SCHLEUSE Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim


















Unterwegs auf nahezu endlosen Straßen, umgeben von Feldern soweit das Auge reicht, seit mehreren Stunden wurde das Windschutzscheibenpanorama nur von ein paar Windrädern unterbrochen. Während die Bäume in der Ferne wie kleine Miniaturen wirken, verschwimmen die, die ganz nah an der Autobahn wachsen, mit zunehmender Geschwindigkeit zu einer homogenen, grünen Masse. Bereits seit einigen Kilometern ist keine deutliche Veränderung der Landschaft festzustellen, nur das Wetter unterliegt leichten Schwankungen. Inmitten im Nirgendwo sind Anfang und Ende der Reise nicht (mehr) in Sicht. Wenige Minuten beginnen sich wie eine Ewigkeit anzufühlen. Neben der Orientierung ist wohl auch das Zeitgefühl geschwunden. Die Richtung gibt das Navigationssystem vor. Fremd gesteuert, wird dem darauf angezeigten Routenverlauf gefolgt: Die Straße verzweigt sich, die nächste Ausfahrt wird genommen, von der Autobahn auf die Landstraße. Zwar etwas weniger schnell, jedoch auf direkterem Weg schlängelt sie sich über Berge, an weiteren Feldern vorbei und durch einige Kleinstädte. Mit 50 km/h kann der Blick durch die getönte Fensterscheibe des roten VW T6 jedoch nur die Oberflächen, die Fassaden der umliegenden Wohnhäuser, Geschäfte und Restaurants, streifen. Es bleibt zu vermuten, welche Geschichten dahinterstecken. Auch die Umgebung ist nicht wirklich belebt, nur hier und da ist mal ein:e Passant:in zu sehen. Straßenschilder versuchen teils durch Zeichen, teils durch Worte mit den Fahrenden zu kommunizieren. Manche davon lassen sich klarer deuten als andere. Hilfreich erweist sich die Übersetzungsfunktion der auf komische Weise vertrauten und doch unbekannten Stimme des Navigationssystems. Für einen kurzen Moment kommt das Auto zum Stehen, bevor es sich nach und nach in den Kreisel vortastet und die zweite Ausfahrt Richtung Süden nimmt. Es vibriert, eine Push-Nachricht schiebt sich in das Display des nebenliegenden Smartphones. Laut Tarifinfo wurde eine Grenze passiert, doch die Umgebung bleibt nach wie vor die Gleiche. Diese beständige Unbeständigkeit ist auch nach mehreren Wochen noch irritierend. Am Himmel setzt mittlerweile die Dämmerung ein und mit zunehmender Dunkelheit beginnt auch die Suche nach einem Rastplatz. Einfach irgendwo das Auto abstellen und ausruhen, morgen kann die Reise weitergehen. Ein freier Stellplatz hat sich schnell gefunden. Endlich aussteigen und in der lauwarmen, nächtlichen Luft die Beine vertreten. Nur noch das Dachzelt ausfahren, umziehen und die Augen schließen. Die Härte der Matratze, das leise Heulen des Winds, das durchscheinende Licht vorbeifahrender Autos – diese Nacht ist wie jede und keine andere zugleich. An keinem Ort länger als 72 Stunden zu bleiben, lässt maßgeblich den Bezug zum Konzept ‚Alltag‘ schwinden. Die einzige strukturgebende Instanz bleibt das Auto und all das, was sich darin mitführen und über die zurückgelegte Strecke ansammeln lässt. Jeder Gegenstand – der silberne Espressokocher, die Sicherheitskopien der amtlichen Dokumente, der Vorrat an Wasserflaschen und Coca-Cola, die Reserve-Gaskartuschen und auch all die Kleidung – hat seinen Platz. Eine vermeintlich perfekt durchdachte Struktur, die in unregelmäßigen Abständen nochmals überdacht werden muss. Alles ausräumen, überprüfen ob das Nötigste da ist und Unnötiges weichen kann, gehört dazu. Dabei reihen sich die verschiedensten Objekte wie eine facettenreiche Landschaft aneinander. Es ist schon erstaunlich, wie viel Leben auf nur 9,3 m2 passt.
Text: Vivien Kämpf